Tom Christopher – Info

 NEW YORK – JUST LIKE I PICTURED IT.

von Stephanie Hentschel

Betrachtet man die Bilder Tom Christophers, sieht man Radfahrer und Fußgänger, die eilig versuchen, sich durch den täglich tobenden Verkehr der Großstadt zu schlängeln; man folgt dem Weg von Taxen und Bussen, die sich mal langsam, mal mit Tempo durch die vollen Straßen zwischen den Wolkenkratzern und imposanten Gebäuden schieben und dabei immer wieder durch rote Ampeln oder Fußgängerüberwege in ihrem Fluss unterbrochen werden; dazwischen entdeckt man einige Bauarbeiter, die eifrig bemüht sind, ihre Arbeit ordnungsgemäß zu verrichten, trotz des offensichtlichen Chaos, das eine Metropole stets mit sich bringt.

Mit unermüdlicher Faszination skizziert Tom Christopher immer neue Einblicke in das aufregende urbane Großstadtleben New Yorks. Seine Bilder erzählen Geschichten und Anekdoten einzelner Personen, herausgegriffen aus dem alltäglichen Leben der Großstadtbürger und Touristen, die als hektische und unübersichtliche Menschenmasse die Gebäude und Straßen bis in die letzte Ecke zu füllen scheinen. Wie kurze Filmstills siebt er die Frequenzen heraus, hält die Zeit für einen kurzen Moment an, um einen genaueren Blick auf das Geschehen zu ermöglichen. Das gewöhnliche Alltagsleben des Einzelnen wird zum Sinnbild des städtischen Lebens in der Metropole stilisiert, wobei der unmittelbare Augenblick als Ausgangspunkt dient.
Schnell fühlt man sich als Betrachter durch die steile Perspektive und die tiefen Straßenschluchten mittendrin im rastlosen Treiben dieser nie ruhenden Stadt.
Ausgehend von Skizzen und Fotografien spannt der Künstler mit dünnen Graphitstrichen ein Konstruktionsnetz über die Leinwand, das er mit einer leuchtenden und vielfältigen Farbpalette in expressiver Pinselführung farblich überspannt. Der dominante Einsatz der Grundfarben, der zumeist stark ausgearbeitete Schattenwurf und die immer häufiger auftretenden weißen Auslassungen auf der Malfläche entfachen durch ihren prägnanten Kontrast sowohl eine gesteigerte Leuchtkraft der Farben selbst, als auch die Dynamik und vibrierende Struktur der Bildoberfläche. Die Farbspritzer, leichten Farbschüttungen und Verwischungen erzeugen eine haptische Oberflächenstruktur und erwecken damit zusätzlich den Eindruck von Spontanität und unmittelbarer Lebendigkeit der geschilderten Ereignisse.
Tempo und Bewegung sind die primären Themen, die Tom Christopher nicht nur motivisch sondern auch mittels seiner Malerei in seinen Werken umsetzt. Das niemals endende Treiben innerhalb der Großstadt, die energetischen Strömungen, die von ihr ausgehen und in ihr zu erwachen scheinen, bieten die Grundlage für seine Inspiration. Farben, Geräusche, Bewegung und  Energie, die der Künstler in den Straßen der Stadt aufsaugt, haben unmittelbaren Einfluss auf die Art und Weise der Ausarbeitung der Bilder und ihre Wirkung auf den Betrachter.
Faszinierend erscheint daher das kürzlich gestaltete Projekt am Broadway, bei dem der Künstler inmitten dieses brodelnden Kessels, direkt am Times Square, in verglasten Räumen des Brill Buildings, vor den Augen der Öffentlichkeit an seinen neuesten Werken gearbeitet hat. Vom kontinuierlichen und beharrlichen Beobachter des städtischen Lebens wird der Künstler selbst zum beobachteten Objekt in einer Art Schaufenster, das ihn nur durch dünnes Glas von dem ihn umgebenden Trubel trennt. Schnell richtet sich alle Aufmerksamkeit auf ihn und sein Schaffen und plötzlich scheint es wie ein Bild im Bild, als ob der Künstler selbst zum Mittelpunkt eines seiner Werke wird und dessen Spannungsfeld in unmittelbarer Weise mitbestimmt.

Es sind die visuellen Eindrücke und flüchtigen Momente, die wir tagtäglich erfassen und ganz unbewusst verarbeiten, die Tom Christopher in seinen Bildern sichtbar werden lässt und ihnen auf diese Weise gleichzeitig eine gesonderte Bedeutung zumisst. Lichter und Farben von Werbetafeln, verkehrsbedingte Geräusche und Bruchstücke aus Konversationen vorbeieilender Passanten, deren Zusammenlauf das stetige Pulsieren der Metropole bewirken, werden in Christophers Bildern zu konkreten Bildmotiven erklärt und somit für kurze Zeit entschleunigt.
Über Jahre hinweg beobachtet Tom Christopher den Wandel der Stadt, ihre Entwicklungen und alle einzelnen kleinen Faktoren, die das Gefüge des großen Ganzen zusammenhalten und sich dabei in ständiger Bewegung befinden. Auf gleiche Weise wie diese Veränderungen nie zu enden scheinen, bewegt sich auch der Künstler in seinen Werken mit der Zeit der Stadt und fungiert so als Spiegel dieses gewöhnlichen wie außergewöhnlichen Spektakels.
Inspiriert von den Ansätzen und Maltechniken der Expressionisten greift Tom Christopher die modernen und zeitgenössischen Themen der Großstadt New York, ihre Strukturen, Dynamiken und Stimmungen heraus und überträgt diese Eindrücke in kräftigen Farben mit einem zügigen und markanten Pinselstrich, der die Flüchtigkeit des städtischen Lebens reflektiert, ganz gezielt auf die Leinwand.
Kurze Textzeilen, Zitate oder Versatzstücke diverser beiläufig auf der Straße erfasster Konversationen sind den Bildern Tom Christophers als Titel beigefügt. Weniger als richtungsweisender Titel zur Erklärung der Bildthematik, sondern vielmehr als Teil des Kunstwerkes selbst, als eine Art erweitertes Stilmittel, können die Textsequenzen verstanden werden. Der Künstler gibt auf diese Weise keinen konkreten Hinweis, vielmehr lässt er den Betrachter ein Stück teilhaben an der Inspiration und den Erlebnissen, die er aus dem aufregenden und spannenden Leben innerhalb der Metropole zieht. Durch die kurzen Sequenzen, die größtenteils aufgrund ihres fehlenden Kontextes keinen konkreten Sinn ergeben, wird erneut der Kerngedanke der Kunst Tom Christophers unterstützt. Ebenso wie die flüchtigen Bilder und visuellen Eindrücke der Metropole New Yorks, sind es auch die Wortfetzen und Bruchstücke verschiedenster Konversationen, am Telefon oder  zwischen zwei Passanten, die man ganz unbewusst beim Vorbeigehen wahrnimmt.
In den Bildern Tom Christophers laufen alle Stränge in dem Ziel nach malerischer Umsetzung von Bewegung, Dynamik und Energie der Metropole New York zusammen. Aus Bildtitel, Komposition, Farbigkeit und Motivik ergibt sich ein Zusammenschluss, der das pulsierende, lebendige und vielfältige Großstadtleben auf der Leinwand für einen kurzen Moment zum Stillstand bringt.
Letztendlich erscheint ein stetiges Wechselspiel aus Gegenständlichkeit und Abstraktion, Bewegung und Stillstand, Schönheit und Realität sowie aus farbgewaltig- expressiv anmutender Malerei und narrativen Inhalten, das die Grenzen der Leinwand zu sprengen scheint und in prägnanter Weise die räumlich wie atmosphärisch grenzenlose Großstadt New York mit all ihren Facetten reflektiert.

 

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